UM RAT FRAGEN – jemandes Mißbilligung einholen für etwas, das längst entschieden ist.
(Ambrose Bierce, »The Devil’s Dictionary«)

Restaurierung alter Klaviere

Antik = wertvoll?
Die Vorstellung, daß hohes Alter auch hohen Wert bedeute, ist sehr verbreitet, so daß der stolze Besitzer eines »schönen alten« Jugendstil-Klaviers selten vom Gegenteil zu überzeugen ist, obwohl es nicht einmal für Streichinstrumente allgemeingültig ist. Während es aber tatsächlich alte Streichinstrumente gibt, die nicht nur historisch von Bedeutung, sondern auch als hervorragende Musikinstrumente immer noch brauchbar sind (allerdings zu hanebüchen überzogenen Preisen gehandelt werden), kann man bei Klavieren in der Mehrzahl der Fälle davon ausgehen, daß sie auch geringen Ansprüchen nicht mehr genügen, wenn sie ein gewisses Alter überschritten haben.

Für manchen Besitzer mag ein Instrument noch ideellen, sentimentalen Wert haben, weil es ein Erbstück ist; mancher ist vielleicht in ein Klavier als dekoratives Möbelstück verliebt; in Ausnahmefällen können Klaviere bedeutender Hersteller von historischem Interesse sein; und in wenigen Fällen sind Instrumente, die insgesamt von guter Substanz sind, evtl. noch restaurierungswürdig. Entscheiden kann das immer nur der Fachmann, man kommt also nicht umhin, einen solchen zu bitten, sich das Instrument anzusehen. Aber ...


... wer ist ein Fachmann?
Nehmen wir an, von zwei verschiedenen Fachleuten sagt der erste: »Daraus mache ich Ihnen für 1500 Euro ein so gut wie neues Instrument«, und der zweite: »es lohnt sich nicht, kaufen sie lieber ein neues.« Wem würden Sie glauben? Dem, der Ihnen die Reparatur anbietet, vielleicht weil er damit Geld verdient, oder dem, der die Reparatur ablehnt, vielleicht weil er mit dem Verkauf eines neuen Klaviers Geld verdient?
Erstens: Jeder Ratsuchende, das gilt wohl für alle von uns, sollte sich davor hüten, grundsätzlich demjenigen zu glauben, der sagt, was man hören wollte.
Zweitens: Um einigermaßen abschätzen zu können, ob man einem Rat vertrauen kann, sollte man gezielt fragen können, d.h. selber ein paar Kriterien kennen, die für die Beurteilung des Zustands entscheidend sind:


Beurteilung des Zustands
Das Gehäuse, es mag noch so schön furniert und von edel wirkendem antiken Aussehen sein, sagt über die Qualität eines Instruments nichts aus. Man tut darum gut daran, sich in das dekorative Äußere nicht allzu sehr zu verlieben. Ist das Instrumenten-Innere hinüber, wird die Restaurierung nämlich fast so teuer oder sogar teurer als eine Neuanschaffung. Z.B. bauen manche Werkstätten in alte Gehäuse neue Klaviere ein, etwa der Klavierhersteller Schimmel (s. unter Links: Klavierhersteller), die Kosten dafür sind allerdings erheblich.
Entscheidend sind folgende Fragen:


Wenn Geld keine Rolle spielt ...
... und das Instrument entweder von historischem oder von persönlichem ideellen Wert ist, kann man die Restaurierung in Erwägung ziehen.
Ob historischer Wert gegeben ist, erfährt man am zuverlässigsten beim Hersteller, denn wenn der interessiert ist, kann man ziemlich sicher darauf vertrauen, daß eine Restaurierung eine Wertsteigerung bedeutet, vorausgesetzt, sie wird von Experten ausgeführt. Ob man von dieser Wertsteigerung allerdings je etwas hat und ob das Instrument nach der Restauration auch praktisch nutzbar ist, ist eine zweite Frage.


Wenn das Verhältnis von Kosten und Nutzen realistisch bleiben soll ...
... lohnt sich eine Aufarbeitung wahrscheinlich nur, wenn Resonanzboden und Stimmstock nicht reparaturbedürftig sind. Denn nur dann wird man einigermaßen sicher sein können, daß die Reparaturkosten den Wert des Instruments nicht übersteigen.

Gewahrt bleibt das Verhältnis von Kosten und Nutzen natürlich auch dann, wenn das Instrument ausgesprochen teuer war. Denn einen Flügel, der im optimalen Zustand vielleicht noch 20.000 Euro wert ist, kann man sicherlich für z.B. 10.000 Euro aufarbeiten lassen, vorausgesetzt, man hat das Geld übrig und die Sache ist einem das wert.

Bei den meisten Klavierbesitzern dürfte es sich allerdings eher um Klaviere handeln, die auch nach der Aufarbeitung keinen hohen Marktwert mehr haben werden. Man muß sich nämlich darüber klar sein, daß Instandsetzungen den Wert alter Instrumente in der Regel nicht steigern, auch wenn man Erkleckliches investiert.
Darum gilt es abzuwägen, ob man mit notdürftigen Teilreparaturen sein Geld verschwendet, ohne eine wirkliche Verbesserung zu erreichen, oder ob es sich lohnt, für eine grundlegende Restaurierung so viel Geld auszugeben, daß man dafür u. U. auch schon ein besseres, nicht reparaturbedürftiges Gebraucht-Instrument bekäme oder gar ein neues, an dem man wahrscheinlich erheblich mehr Spielfreude haben wird.


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