Das Spielwerk von Pianos und Flügeln
Was Klavierspieler über ihr Instrument wissen sollten
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Vorwort  –1 Taste, Hebeglied und Hammer  –2 Leder, Filz und Holz  –3 Das Zusammensetzen  –4 Die Achsen  –5 Die Spielart  –6 Niederdruckschwere und Aufgewicht  –7 Die Tastatur  –8 Die Auslösung  –9 Der Nachdruck  –10 Der Fang  –11 Die Schnabelluft  –12 Das Leisepedal  –13 Die Bändchenluft  –14 Die doppelte Auslösung  –15 Die Federn  –16 Die Dämpfung  –17 Die Verschiebung  –18 Die Tonhaltung  –19 Pralleisten  –20 Intonation


2 Leder, Filz und Holz

Fast alle Mechanikteile sind aus Holz gefertigt, das einige unbestreitbare Vorzüge besitzt: Es ist leicht, trotzdem zäh und elastisch, was z.B. für die Hammerstiele eine wichtige Rolle spielt, da deren Elastizität Einfluß auf den Klang hat. Wer einmal Xylophonschlegel aus Plastik und zum Vergleich solche aus Bambusholz in der Hand hatte, kann abschätzen, wie schwierig es sein dürfte, gewachsene Materialien durch künstliche von gleichen Eigenschaften zu ersetzen.

Allerdings hat Holz auch einen gravierenden Nachteil, den man seltsamerweise immer besonders lobenswert herausgestellt findet: Es »lebt«. Seine Fähigkeit nämlich, Feuchtigkeit aufzunehmen oder abzugeben, zu »atmen«, mag in Wandverkleidungen von Wohnräumen durchaus erwünscht sein, im Klavier hat es nur schlimme Folgen; sei es, daß das Holz zu trocken wird und dadurch Gefahr läuft zu reißen; oder zu feucht, wodurch es sich ausdehnt und bewegliche Teile sogar anfangen können zu klemmen. Außerdem hat der schwankende Feuchtigkeitsgehalt Einfluß auf den Klang, und bei hoher Luftfeuchtigkeit neigen Klaviere dazu, »stumpf« zu klingen. Drittens schließlich wird jede Stimmhaltung dort illusorisch, wo das Instrument zu häufigen Klimaveränderungen ausgesetzt wird, denn Feuchtigkeit läßt den Resonanzboden aufquellen, Trockenheit läßt ihn schwinden, und diese Bewegungen wirken sich auf die Saitenspannung aus. Die akustischen Eigenschaften des Resonanzbodenholzes lassen sich mit anderen Materialien wohl kaum nachahmen (obwohl Untersuchungen der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt Braunschweig gezeigt haben, daß Glasfaser-Kunststoffe ähnliche Eigenschaften haben können). Wo der Klang keine Rolle spielt - und das dürfte bei den meisten Einzelteilen des Spielwerks der Fall sein - sollte man sich dem Vorurteil, daß Holz das einzig Wahre sei, vielleicht nicht so blindlings unterwerfen. Immerhin verwendet man im Klavierbau auch so akustische tote Materialien wie Grauguß und Blei. Und es war einer der renommiertesten Hersteller, nämlich Steinway, der als erster bestimmte Holzleisten durch Messingprofile ersetzt hat. Mittlerweile sind die meisten Hersteller dazu übergegangen, für einige Leisten, bei denen es auf Verzugsfreiheit ankommt, kein Holz mehr, sondern Aluminium zu verwenden. Das Schaudern jedenfalls, das den Liebhaber überkommt, wenn er von Plastikmechaniken hört, ist mehr emotionalen als rationalen Ursprungs.

Weitere organische Stoffe, die Verwendung finden, sind Filz und Wildleder – Filz wegen seiner geräuschdämmenden Wirkung und Leder wegen seiner Zähigkeit und Abriebfestigkeit, die bei besonders beanspruchten Teilen wichtig ist. Überall nämlich, wo bewegliche Teile sich berühren, werden sie garniert, d.h. mit Filz oder Leder oder beidem versehen.

So sind z.B. Hammernuß und Hammerrolle mit Leder besetzt, das zusätzlich mit Filz unterfüttert ist, bei der Hammernuß sogar mit drei verschiedenen Filzstückchen unterschiedlicher Form und Härte:

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[Abb 4] Garnierung von Hammernuß und Hammerrolle

Auch Filz ist feuchtigkeitsempfindlich, und auch hier kann sich das klanglich auswirken, weil sich die Elastizität des Hammerfilzes dadurch ändert. Vor allem aber läßt sich Filz zusammendrücken, und das führt dazu, daß einige Einstellungen der Mechanik sich mit der Zeit verändern, andere – wie z.B. der »Nachdruck«, den wir noch besprechen werden – nicht genau definierbar, sondern mehr dem Fingerspitzengefühl als einer exakten Messung überlassen sind. Um die Dauerhaftigkeit der Regulierung zu gewährleisten, werden Klaviere in der Fabrik »eingepaukt«, d.h. maschinell eingespielt; erst danach werden sie endreguliert, so daß man nicht befürchten muß, daß die Regulierung schon in der ersten Zeit der Nutzung durch den Spieler sich wieder wesentlich verändert.

Bei allen Materialien, in besonderem Maße natürlich beim klangentscheidenden Holz, kommt es darauf an, daß ihre Qualität ausgesucht ist, wenn sich das Instrument nicht schon in den ersten Jahren verschlechtern soll. Gute Klaviere können also nicht beliebig billig sein.

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