Das Spielwerk von Pianos und Flügeln
Was Klavierspieler über ihr Instrument wissen sollten
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Vorwort  –1 Taste, Hebeglied und Hammer  –2 Leder, Filz und Holz  –3 Das Zusammensetzen  –4 Die Achsen  –5 Die Spielart  –6 Niederdruckschwere und Aufgewicht  –7 Die Tastatur  –8 Die Auslösung  –9 Der Nachdruck  –10 Der Fang  –11 Die Schnabelluft  –12 Das Leisepedal  –13 Die Bändchenluft  –14 Die doppelte Auslösung  –15 Die Federn  –16 Die Dämpfung  –17 Die Verschiebung  –18 Die Tonhaltung  –19 Pralleisten  –20 Intonation


3 Das Zusammensetzen

Neben der Güte des Materials ist ein wesentliches Qualitätsmerkmal, mit welcher Sorgfalt eine Mechanik zusammengesetzt wird. Dies macht immer ein gutes Stück Handarbeit aus, da für jeden Ton die Stellung der einzelnen Glieder korrigiert werden muß. Zwar ist die Präzision in der Vorfertigung für Holzteile erstaunlich hoch, aber dennoch kommt es immer zu leichten Schwankungen im Zusammenpassen der Teile, und was durch maschinelle Fertigung nicht erreicht werden kann, muß mit der Hand nachgearbeitet werden.

Viele Hersteller werben damit, daß sie ihre Instrumente mit einem erheblichen Anteil an Handarbeit herstellen. Allerdings könnten sie mit derselben Berechtigung hervorheben, daß sie es mit so wenig Handarbeit wie nötig tun. Denn Handarbeit an sich ist kein Qualitätsmerkmal: Maschinen sind schneller, genauer, zuverlässiger und gleichmäßiger. Wo immer es möglich ist, versucht man deshalb die Handarbeit auch im Klavierbau zu reduzieren. Als Beispiel sei das Haus Steinway genannt, in dem noch bis ca. 1990 die Resonanzbodenstege mit der Hand gestochen wurden und wo man dies seither einem Automaten überläßt. Es ist nämlich keineswegs so, daß man immer nur wegen besserer Qualität auf Hand- statt Maschinenarbeit zurückgreift, sondern oft auch schlicht deswegen, weil Spezialmaschinen auch hohe Investitionskosten bedeuten. Bei montierenden Arbeiten läßt sich Handarbeit jedoch schwer ersetzen, deswegen muß man davon ausgehen, daß bei Billig-Instrumenten an der Sorgfalt der Montage gespart wurde.

Drei Dinge sind beim Zusammenbau wichtig: Zum einen muß die Lage der Mechanikglieder möglichst genau mit der Lage der Saiten übereinstimmen, zum zweiten müssen Hammer, Hebeglied und Tasten sich von oben gesehen in einer Linie bewegen, und schließlich müssen sie von vorn betrachtet senkrecht hochtragen, d.h. ihre Bewegungsrichtung muß genau übereinstimmen. Wie es aussieht, wenn das nicht der Fall ist, zeigt Abb. 5, in der die Abweichung allerdings extrem überzeichnet ist:

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[Abb. 5 a+b] Fehlerhaftes Zusammensetzen (stark übertrieben)

Bei a) bewegen sich die einzelnen Glieder von vorn betrachtet nicht in die gleiche Richtung, bei b) bewegen sie sich von oben betrachtet nicht in derselben Ebene. Solch übertriebene Fehler kommen natürlich nicht vor, aber es sind eben auch kleinere Differenzen funktionsmindernd, da sie den Gleitweg zwischen den Teilen erhöhen und damit auch die Reibung. In Fall a) der Abbildung liegt es in den Händen des Zusammensetzers, diesen Fehler zu vermeiden, in Fall b) ist es davon abhängig, wie genau die ganze Konstruktion vorgefertigt wurde; je schlechter die Teile zusammenpassen, umso mehr muß man evtl. von der geraden Linie abweichen.

Um zu verstehen, wie Hebeglied und Hammer gerichtet werden, müssen wir uns ihre Bauweise ein wenig genauer ansehen. Beide bestehen aus einem beweglichen und einem festzuschraubenden Teil, den man Kapsel nennt (s. Abb. 6 u. 7). Diese Kapseln werden an einer gemeinsamen Leiste festgeschraubt.

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[Abb. 6] Flügelhammer mit Kapsel

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[Abb. 7] Hebegliedkapsel des Pianos

Um die Stellung zu korrigieren, hat man mehrere Möglichkeiten: Verdrehen der Kapsel im Schraubenloch, Ausfeilen des Schraubenlochs, so daß man die Kapsel seitlich etwas verschieben kann, Bekleben der Kapsel mit kleinen Papierfleckchen, dessen Effekt aus Abb. 8 ersichtlich wird, und schließlich evtl. Zurechtschnitzen oder -feilen der Kapselfläche.

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[Abb. 8] Hinterkleben

Das Hinterkleben ist die am meisten praktizierte Methode, deswegen findet man an fast jeder Kapsel diese kleinen Papierstückchen.

Bei den Hebegliedkapseln ist die senkrechte Stellung meist vorgegebenen, indem sie durch eine Einkerbung fixiert wird. In diese Einkerbung greift ein Draht, so daß sich die Kapsel beim Festschrauben nicht mehr verdrehen kann (Abb 9). Das Festmachen von Kapseln ohne Kerbendraht, die es auch gibt, ist heikel. Einen anderen Weg geht Steinway: Die Leisten, an denen die Kapseln festgeschraubt werden, haben ein rohrförmiges, die Kapseln das entsprechende hohle Profil, so daß sie sich dadurch ebenfalls nicht mehr verdrehen kann.

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[Abb 9] Kerbendraht

Besondere Sorgfalt widmet man beim Zusammensetzen dem Richten der Hämmer, deren Stellung auf dreierlei Arten verändert werden kann:

– Zunächst werden sie so festgeschraubt, daß der Hammerkopf auf die Saite ausgerichtet ist. Hierbei ist zu beachten, daß beim Flügel die Hämmer nicht mittig unter den mehrchörigen Saiten stehen dürfen, sondern etwa 1 mm weiter rechts, um den Verschiebungsweg für das linke Pedal gering zu halten (Vgl. Abb. 50 in Kapitel 17).

– Durch Hinterkleben (entsprechend Abb. 8) werden die Achsen in die Waage gebracht, so daß der Hammer senkrecht hochträgt.

– Durch Schwankungen beim Einleimen der Hammerköpfe sowie durch Veränderung aufgrund des Hinterklebens kann es sein, daß die Hammerköpfe aus ihrer senkrechten Stellung etwas herausgedreht sind. Um sie zu richten, macht man den Hammerstiel mit einer Flamme heiß, dann kann man den Kopf zurechtdrehen; Klavierbauer nennen diesen Arbeitsgang schlicht Brennen.

Weitere Arbeiten, wie das Richten der Saiten, so daß der Hammerkopf alle Saiten eines Chores gleichzeitig erfaßt, bzw. das entsprechende Zurechtfeilen des Hammerkopffilzes, gehören zur Intonation, die im letzten Kapitel behandelt wird.

Weiter mit: 4 Die Achsen


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