Das Spielwerk von Pianos und Flügeln
Was Klavierspieler über ihr Instrument wissen sollten
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Vorwort  –1 Taste, Hebeglied und Hammer  –2 Leder, Filz und Holz  –3 Das Zusammensetzen  –4 Die Achsen  –5 Die Spielart  –6 Niederdruckschwere und Aufgewicht  –7 Die Tastatur  –8 Die Auslösung  –9 Der Nachdruck  –10 Der Fang  –11 Die Schnabelluft  –12 Das Leisepedal  –13 Die Bändchenluft  –14 Die doppelte Auslösung  –15 Die Federn  –16 Die Dämpfung  –17 Die Verschiebung  –18 Die Tonhaltung  –19 Pralleisten  –20 Intonation


4 Die Achsen

Sie sind das Schmerzenskind so manchen Klavierbauers, obwohl sie nichts weiter sind, als ein simples Stückchen Draht. Immerhin kann ihre Anzahl 800 Stück pro Instrument bisweilen überschreiten. Die Anforderungen an ein Achslager sind vielfältig: Es hat völlig geräuschlos zu arbeiten, es soll leichtgängig sein, es soll die beweglichen Teile sicher in ihrer Position halten, es muß leicht und klein sein, es darf kaum verschleißen und muß seinen Dienst auch ohne Wartung jahrelang zuverlässig verrichten. Und so ganz nebenbei hat es auch noch billig zu sein, denn 800 Achsen von beispielsweise der Preislage präziser Minikugellager würde kaum ein Kunde bezahlen wollen. Darum ist ihre Bauart recht einfach: Eine Drahtachse läuft in einer Bohrung, die mit einem speziellen Filztuch, sog. Kasimir, ausgeschlagen ist. Aus Abb. 10 geht die Anordnung am Beispiel der Hebegliedachse hervor.

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[Abb. 10] Hebeglied-Achse

Der Draht steckt im Holz des Hebegliedes unbeweglich fest und ist in den ausgetuchten Kapselbohrungen drehbar. Wichtig ist, daß er im Holz so stramm sitzt, daß er nicht allmählich seitlich herauswandern kann, und im Tuch so leichtgängig, daß die Reibung sich in Grenzen hält, aber kein übermäßiges Spiel auftritt. Die Bohrungen in der Kapsel haben nur einen Durchmesser von ca. 2 mm. Da man die Dicke des Tuches nicht so genau bemessen kann, daß die Forderung nach Leichtgängigkeit in jedem Fall erfüllt wird, muß hier nachgearbeitet werden, indem man das eingeleimte Tuch ausspindelt, d.h. die Öffnung mit sog. Ausreibnadeln erweitert. Diese Ausreibnadeln und den Achsdraht gibt es in verschiedenen Durchmessern in Abstufungen von 0,025 mm, so daß man locker gewordene Achsen durch etwas dickere ersetzen kann.

Bei den Achsen zeigen sich am ehesten die Nachteile der lebenden Stoffe Filz und Holz. Denn sowohl zu niedrige als auch zu hohe Luftfeuchte kann Probleme bereiten. Vor allem minderwertiges Holz kann so weit austrocknen, daß sich die Achsen lösen, während bei zu hoher Luftfeuchtigkeit Tuch und Holz aufquellen, was zu erheblicher Schwergängigkeit führen kann, manchmal sogar zum Steckenbleiben der Teile. Und falls der Leser bei seinem Klavier schon einmal festgestellt haben sollte, daß die Mechanik bei Regenwetter träger wird, so beruht das sicherlich keineswegs auf Einbildung. Bei guten Instrumenten sollte sich das allerdings in Grenzen halten. Ich habe aber auch schon bei einem neuwertigen Spitzeninstrument einzelne festsitzende Achsen erlebt. Abhilfe schafft dann evtl. das Austrocknen des Mechanikteiles bei mäßiger Temperatur im Backofen. Bleibt das erfolglos, hilft nur das Ausreiben des Achsloches und das Erneuern des Achsdrahts.

Allmählich träger werden können Spielwerke u.U. auch bei faulen Spielern, also dann, wenn sie wenig bewegt werden. Daran läßt sich übrigens ablesen, ob ein Instrument beim Händler »abgestanden« ist. Wie lange es dort schon auf einen Käufer wartet, ist den Händen zwar nicht unbedingt sofort spürbar, aber durch eine einfache Messung oft nachzuweisen. Wir kommen darauf noch zurück.

Die New Yorker Steinway-Niederlassung hat einst versucht, das Filzlager durch Teflon-Buchsen zu ersetzen, die völlig klima-unempfindlich sind. Das Holz jedoch, in dem die Teflon-Buchsen saßen, blieb natürlich weiterhin empfindlich und drückte durch Aufquellen die Buchsen zusammen oder ließ sie bei Trockenheit klappern. Das brachte Steinway mehr Probleme, als man vorher mit dem flexibleren Filz hatte, und reumütig kehrte man zum herkömmlichen Achslager zurück.

Wenn man dem deutschsprachigen Standardbuch des Klavierbaus (Junghanns, »Der Piano- und Flügelbau«) glauben darf, ist Ärger mit Achsen heute gar nicht mehr nötig:

»...der Beweis erbracht, mit aus Thermo-Azetaten geformten Mechanikteilen eine brauchbare, ja man kann sagen, in vielen Teilen einer aus Holz gefertigten weit überlegene Mechanik herauszubringen [...] Die Teile sind unter sich auf das Tausendstel Millimeter genau und auch bei Hitze bis 70° und Kälte bis 50° gegen jede Änderung unempfindlich. Die Oberflächen sind tadellos glatt, brauchen keine Behandlung durch Schliff oder Graphitieren an den Angriffspunkten und sind gegen Luftfeuchtigkeit bis zu 95% völlig unempfindlich. Nach einem besonders patentierten Fertigungsverfahren werden die Achsenlöcher an den Plastikmechaniken nicht mehr mit Kasimir ausgarniert. Die Achsenstifte aus vernickeltem Messingdraht mit einer Stärketoleranz von ±0,005 mm laufen in ihren Lagern aus Zellulose-Acetat-Butyrat vollkommen einwandfrei, vollkommen geräuschlos und langjährig dauerhaft. Letzteres ist ein ganz enormer Fortschritt der Plastikmechanik, weil dadurch das bisher so viel beobachtete Verklemmen oder Lockerwerden der Achsen ... nicht mehr eintreten kann.«

Wenn das stimmt, kann man sich nur wundern, daß dieser Tatbestand von allen Herstellern geflissentlich übersehen wird, jedenfalls begegnen einem diese Mechaniken nirgendwo. Es ist, als hafte dem Kunststoff der Ruch des Bösen an. Allerdings tragen dazu jene Hersteller bei, die Billigst-Instrumente mit schlechten Plastik-Mechaniken ausstatten. Da an diesen Instrumenten nicht nur die Mechanik minderwertig ist, bringen sie Neuerungen leider in Verruf. Und nicht nur die Klavierhersteller sind Innovationen gegenüber oft nicht sehr aufgeschlossen, auch die Käufer sind hier meist sehr skeptisch und nicht leicht zu überzeugen.
Mittlerweile gibt es allerdings Mechaniken der amerikanischen Firma Wessell Nickel & Gross, die aus Carbon-Fasern gefertigt werden. Bisher scheint Feurich der einzige deutsche Klavierhersteller zu sein, der sie anbietet.

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