Das Spielwerk von Pianos und Flügeln
Was Klavierspieler über ihr Instrument wissen sollten
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Vorwort  –1 Taste, Hebeglied und Hammer  –2 Leder, Filz und Holz  –3 Das Zusammensetzen  –4 Die Achsen  –5 Die Spielart  –6 Niederdruckschwere und Aufgewicht  –7 Die Tastatur  –8 Die Auslösung  –9 Der Nachdruck  –10 Der Fang  –11 Die Schnabelluft  –12 Das Leisepedal  –13 Die Bändchenluft  –14 Die doppelte Auslösung  –15 Die Federn  –16 Die Dämpfung  –17 Die Verschiebung  –18 Die Tonhaltung  –19 Pralleisten  –20 Intonation


5 Die Spielart

»Das Instrument besitzt eine angenehm leichte, flüssige und im ganzen Tonbereich ausgeglichene Spielart, die auf jede Anschlagsnuance empfindsam reagiert.«
So könnte es in einem Werbeprospekt stehen. Und so ähnlich steht es dort auch meistens. Was dieser Satz formuliert, ist tatsächlich, was man von einem guten Instrument erwarten sollte, aber er enthält einige Unschärfen. So ist Leichtgängigkeit nur bis zu einem gewissen Grade angenehm, Flüssigkeit schwer definierbar, und »im ganzen Tonbereich ausgeglichen« ist ein Instrument nur insofern, als sich seine Spielart vom Baß zum Diskant stetig und nicht unregelmäßig ändert.

Pianisten beurteilen die Spielart meistens rein subjektiv. Sie können angeben, ob sie ihnen gefällt oder nicht, und ihr Urteil dürfte in den meisten Fällen auch stimmen. Bei negativer Einschätzung sind sie jedoch oft nicht in der Lage zu benennen, was genau sie stört. Da das Gebiet komplex ist, ist das auch gar nicht so leicht. In das subjektive Spielempfinden gehen neben technischen Gegebenheiten in hohem Maße auch klangliche ein, und nicht selten auch die Konstitution und Disponiertheit des Spielers. Bestimmend sind die exakte Regulierung der Mechanik, die Spielschwere, die Stimmung des Instruments, die Intonation und – das Wetter; letzteres gleich in dreifacher Hinsicht: Es beeinflußt die Mechanik, den Klang und die Psyche des Pianisten.

Ein wesentlicher Aspekt einer Klaviermechanik ist natürlich ihre Spielschwere. Nehmen wir einmal an, ein Spieler wäre zu 10 Lautstärkeabstufungen zwischen pp und ff fähig (in Wahrheit dürften es natürlich wesentlich mehr sein), und das Klavier würde bei 10 g Tastenbelastung seinen leisesten und bei 55 g seinen lautesten Ton von sich geben. Dann würden 5 g Unterschied ausreichen, um den Lautstärkegrad zu wechseln. So geringe Unterschiede wären schwer beherrschbar. Es ist also gut, daß die wahren Werte zwischen etwa 100 g und 2000 bis 3000 g liegen. Noch aus einem anderen Grund braucht man eine ausreichenden Tastenwiderstand: Bei zu leichtem Spiel laufen einem die Finger förmlich davon und schnelle Passagen werden ungleichmäßig. Andererseits wird übermäßige Schwergängigkeit umso lästiger, je schneller und gleichzeitig lauter man spielt. Sehr schweres Spiel kann zu dauerndem Forcieren zwingen und gelöstes nuancenreiches Musizieren unmöglich machen. Irgendwo muß es also ein richtiges Mittelmaß geben. Dessen Wert ist im Grunde nicht bekannt, denn die Tastenbelastung in Gramm ist nur eine statische, keine dynamische Größe.

Der statische Wert besagt nur, ab welchem Gewicht die Taste abwärts zu gehen beginnt, aber nicht mit welcher Geschwindigkeit sie es tut. (Insofern ist unsere Feststellung, daß die Spielschwere zwischen 100 und 3000 g liegt, nichtssagend, wenn wir es nicht mit dem Begriff der Beschleunigung verbinden.) Eine Vorstellung davon, worin der Unterschied zwischen Statik und Dynamik liegt, bekommt man leicht, wenn man annimmt, daß man einmal eine Holztaste und einmal eine aus massivem Eisen bewegt. Beide mögen im Gleichgewicht auf dem Waagebalken ruhen. Dann werden beide abwärts gehen, sobald man ihr Ende mit einigen Gramm beschwert. Die Eisentaste wird das aber nur äußerst träge tun. Der wesentliche Punkt ist nämlich, wieviel Masse insgesamt auf eine bestimmte Geschwindigkeit beschleunigt werden muß. Außerdem ist das Verhältnis zwischen Tastenbelastung und Lautstärke nicht linear, d.h. doppelte Kraftaufwendung bedeutet nicht doppelte Tonfülle. Dem Spieler ist dies durchaus erwünscht, denn bei linearem Verhältnis wäre der Anschlag wiederum weniger gut beherrschbar.

Auf jeden Fall entscheidend ist, daß ein möglichst großer Teil des Tastenwiderstandes aus dem Gewicht der Teile resultiert und nicht etwa aus Reibungen, die ein recht unangenehmes Spielgefühl erzeugen und die Zuverlässigkeit der Mechanik mindern.

Nun läßt sich das Spielgefühl nicht von dem akustischen Resultat trennen, d.h. es ist auch von der Ansprache des Resonanzbodens und von der Intonation abhängig. Während richtig intonierte Hämmer gut auf forte-Anschläge reagieren, verlangen weiche Hämmer mehr Kraftaufwand, damit der Ton lauter und heller wird. Das ist übrigens eines der Geheimnisse der Intonation: dem Ton seine Schärfen zu nehmen, ohne seine Dynamik zu schmälern.

Neben solchen schwer meßbaren Zusammenhängen gibt es aber durchaus ein sehr objektives Kriterium, von ihm handelt der nächste Abschnitt.

Weiter mit: 6 Niederdruckschwere und Aufgewicht


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