Das Spielwerk von Pianos und Flügeln
Was Klavierspieler über ihr Instrument wissen sollten
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Vorwort  –1 Taste, Hebeglied und Hammer  –2 Leder, Filz und Holz  –3 Das Zusammensetzen  –4 Die Achsen  –5 Die Spielart  –6 Niederdruckschwere und Aufgewicht  –7 Die Tastatur  –8 Die Auslösung  –9 Der Nachdruck  –10 Der Fang  –11 Die Schnabelluft  –12 Das Leisepedal  –13 Die Bändchenluft  –14 Die doppelte Auslösung  –15 Die Federn  –16 Die Dämpfung  –17 Die Verschiebung  –18 Die Tonhaltung  –19 Pralleisten  –20 Intonation


7 Die Tastatur

Den Waagebalken, auf dem die Taste ruht, hatten wir in den bisherigen Abbildungen durch ein Dreieck symbolisiert. In Wahrheit sieht er ein wenig anders aus, und die Taste kann natürlich nicht unbefestigt darauf liegen, ohne daß sie verrutschen würde. Daß man überhaupt einen Waagebalken verwendet und keine Drehachse, hängt wohl damit zusammen, daß die Taste für einige Regulierungsarbeiten nach oben herausnehmbar sein muß.

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[Abb. 12] Prinzipieller Aufbau einer Klaviertaste

Abb. 12 zeigt, wie die Taste mit zwei Stiften festgemacht wird. Diese Stifte werden in Bohrungen der Taste geführt und geben ihr seitlich Halt. Die Ruhelage der Taste wird durch ein Polster bestimmt, ein durchgehender Filzstreifen, auf dem alle Tasten mit dem hinteren Ende aufliegen. Die Spieltiefe wird begrenzt durch den Vorderdruckfilz, eine Filzscheibe, die über den vorderen Stift geschoben wird, also für jede Taste extra vorhanden ist. Über den Mittelstift wird ebenfalls eine Filzscheibe geschoben, um Geräusche zwischen Waagebalken und Taste auszuschalten (s. Pfeil).

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[Abb. 13] Tastengarnierung im Querschnitt

Wie die Stiftführungen in der Taste garniert werden, zeigt Abb. 13. Für sie gilt ähnliches wie für die Achslager, d.h. es ist Leichtgängigkeit gefordert, aber es soll nur minimales Spiel vorhanden sein. Dies erreicht man, indem man die Garnierung so vorfertigt, daß eine neue Taste zunächst überhaupt kein Spiel hat und zu stramm und unbeweglich auf dem Stift sitzt und dann leichtgängig gemacht wird, indem man die Garnierung mit sog. Druckzangen zusammendrückt. Ähnlich verfährt man mit dem Mittelstiftloch im Tastenboden, das zunächst zu eng gebohrt und dann vorsichtig aufgefeilt wird (s. Pfeil in Abb. 13).

Nach diesem Gängigmachen der Tastatur – Klavierbauer nennen es zu Fall bringen – ist ein weiterer wichtiger Arbeitsschritt bei der Montage das Geradelegen. Weil die Ruhelage der Taste durch Filz bestimmt wird, der als weiches Material immer leichte Schwankungen aufweist, liegen die Oberflächen der Tasten nicht automatisch in einer Ebene. Man gleicht die Höhenlage dadurch aus, daß man unter die Filzscheibe am Waagebalkenstift noch solche aus Papier legt. Hierbei hat man es mit so kleinen Schwankungen zu tun, daß man Seidenpapier bis herab zu einer Stärke von 0,05 mm benutzt. Auf dieselbe Weise, also durch Unterlegen von Papierscheiben, wird die Spieltiefe am Vorderstift genauestens reguliert. Damit wird auch verständlich, warum hier jede Taste ihr eigenes Polster bekommt.

Die Höhenlage der Taste ist davon abhängig, mit wieviel Druck sie auf dem Rahmenpolster (das man auch Druckstoff nennt) aufliegt, wie sehr dieses also zusammengepreßt wird. Dieser Druck resultiert hauptsächlich aus dem Gewicht von Hebeglied und Hammer. Man kann die Tastatur also nur geradelegen, wenn Hebeglied und Hammer montiert sind, bzw. muß deren Gewicht nachahmen, indem man die Tasten hinten entsprechend beschwert.

Übrigens werden die Tasten nicht eigentlich gerade gelegt. Sie bilden nämlich keine gerade Linie, sondern einen leichten Bogen, was dem bloßen Auge zumeist entgeht. Der Klaviaturrahmen ist aus statischen Gründen leicht nach oben gewölbt, d.h. die Tasten der Mittellage liegen etwas höher als die tiefsten und höchsten Töne. Beim Flügel hat dies auch den Effekt, daß sich der gewölbte Klaviaturrahmen, der ja quasi lose auf dem Stuhlboden liegt und wie eine Schublade herausgezogen werden kann, dem ebenfalls gewölbten Stuhlboden besser anschmiegt. Er muß nämlich vollständig aufliegen, sonst könnte es beim Anschlag klappernde Geräusche geben. Dies läßt sich zusätzlich durch Stellschrauben am Rahmen regulieren.

Bei der Konstruktion der Tastatur, bzw. bei der Lage der Saiten, muß man auf den Eisenrahmen Rücksicht nehmen. Die Einteilung der vorderen sichtbaren Tastenenden stimmt ja nicht mit der Position der Saiten überein. Diese sind vielmehr je nach Instrument in drei bis fünf Anschlagsfelder gegliedert, die durch die Spreizen des Eisenrahmens bestimmt werden. Dadurch ergibt sich in Anschlagshöhe die sog. Teilungslinie, nach der sich die Tastenhinterteilung zu richten hat, so daß sie von der Vorderteilung abweicht (Abb. 14). Die Tasten laufen deswegen nicht gerade durch, sondern sind gekröpft. Diese Kröpfung führt dazu, daß das Gewicht von Hammer und Hebeglied die Taste seitlich belastet, wodurch sie in Richtung der Kröpfung zum Wegkippen neigt. Die Stiftgarnierungen werden deswegen einseitig beansprucht und weisen bei viel gespielten Instrumenten einen umso größeren Verschleiß auf, je stärker die Tasten gekröpft sind. Da der Kröpfungswinkel bei kurzen Tasten größer ist, sind kleine Instrumente eher abgespielt als große, auch ist bei ihnen das Verkanteln der Taste dem Finger durchaus wahrnehmbar.

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[Abb. 14] Vorder- und Hinterteilung einer Tastatur

Ein weiterer Unterschied zwischen kleinen und großen Instrumenten ergibt sich aus der Lage des Waagepunktes. Je weniger weit dieser von der Tastenvorderkante entfernt ist, umso größer ist der Drehwinkel der Taste und damit der Unterschied zwischen ihrer Bewegungsrichtung und ihrer waagerechten Oberfläche:

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[Abb. 15] Verschiedene Drehwinkel bei verschiedener Tastenlänge

Die Abmessungen der Klaviatur sind heute weitgehend genormt. Das DIN-Blatt Nr. 8996 legt für sieben weiße Tasten eine Gesamtbreite von 165,2 mm fest und begrenzt die Toleranz auf +4 mm für sieben Oktaven (das entspricht einer Genauigkeit von 0,4%). Das Klavier ist damit ein ausgesprochenes Erwachsenen-Instrument, natürlich auch deshalb, weil es zu teuer wäre, für Kinder in Spezialmaßen zu bauen, wie man es bei Streichinstrumenten tut. Auch was Spieltiefe und Spielgewicht angeht, ist es wohl eher auf die Erwachsenen abgestimmt, obwohl es wohl mehr klavierspielende Kinder als Erwachsene geben dürfte. Da das Instrument aber vom Spieler nicht gehalten werden muß – der Hauptgrund weswegen es Kindergeigen gibt – und da Musik, die eine große Handspanne verlangt, dem Kindesalter sowieso als zu schwierig versagt ist, darf man wohl getrost auf Zweitinstrumente verzichten.

Es können aber auch zu große Hände ein Manko sein. Denn langen Fingern läßt der Raum vor den schwarzen Tasten nicht gerade üppig Platz, wenn der Daumen relativ kurz ist. Dann muß man die Finger evtl. allzu zu stark krümmen, ganz zu schweigen von der Unbequemlichkeit, die eine solche Hand bedrängt, wenn der Daumen auf Obertasten spielt und die zu langen Finger gegen den Deckel stoßen. (Wer weiß, ob Chopin seine cis-moll-Etüde auch geschrieben hätte, wenn er eine größere Hand gehabt hätte...) Genauso im Nachteil ist, wer recht breite Finger hat, die wenig Platz zwischen den schwarzen Tasten finden.

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[Abb. 16] Konventionelle Klaviatur – Goldhammer-Klaviatur

Aus all diesen Gründen hat sich einst ein Mitarbeiter des Instituts für Musikwissenschaft in Leipzig, Prof. Goldhammer, des Problems angenommen. Abb. 16 zeigt eine Goldhammer-Klaviatur, an der folgendes auffällt: Die Obertasten sind vorne abgerundet, und ihre Kanten verlaufen senkrecht, verbreitern sich also nicht nach unten, wodurch die vorderen Spielflächen der weißen Tasten etwas geräumiger werden. Die weißen Tasten der Halbtonlücken h-c und e-f sind angefast, hier kann also kein breiterer Finger mehr steckenbleiben. Außerdem konstruierte Goldhammer verschieden große Klaviaturen für ein und denselben Flügel, so daß man sie für Kinderhände auswechseln konnte.

Goldhammers Experimente sind lange eingestellt. Seine Vorschläge konnten sich schon allein deshalb nicht durchsetzen, weil man einen längst akzeptierten, für manche vielleicht nachteiligen Standard nicht mehr ändern kann, ohne einen viel größeren Nachteil in Kauf zu nehmen: die Auflösung des Standards.

1998 greift die amerikanische Firma Steinbuhler & Co (www.steinbuhler.com) Goldhammers Idee wieder auf und entwickelt in den Jahren bis 2005 auswechselbare Tastaturen für kleine Hände, nämlich in 7/8- und 15/16-Größe, die sich in den eigenen Flügel einbauen lassen. Ob solche Insellösungen und die Aufgabe eines Standards sinnvoll sind, mögen diejenigen Flügelbesitzer mit kleiner Handspanne entscheiden, die die Zusatzkosten für den Umbau nicht scheuen und nur auf dem eigenen Instrument spielen wollen. Bei Klavieren läßt sich die Tastatur nicht einfach austauschen, deswegen bietet Steinbuhler nur fertig montierte Klaviere an.

Das Unsinnigste in dieser Richtung entsprang einer Überlegung, nach der das Standardklavier ein Rechtshänder-Instrument sei und Linkshänder benachteiligen würde. Tatsächlich geisterte 2001 eine Zeitungsmeldung durch die Presse, daß die renommierte Klavierbaufirma Blüthner ein Linkshänder-Klavier herstellen würde, bei dem die Bässe rechts und die hohen Töne links liegen. Dies war kein Aprilscherz. Ob Blüthner wußte, daß es in England einen Kauz namens Christopher Seed gibt, der schon länger Linkshänder-Klaviere baut?

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