Das Spielwerk von Pianos und Flügeln
Was Klavierspieler über ihr Instrument wissen sollten
PDF-Version unter Fachwissen/Downloads


Vorwort  –1 Taste, Hebeglied und Hammer  –2 Leder, Filz und Holz  –3 Das Zusammensetzen  –4 Die Achsen  –5 Die Spielart  –6 Niederdruckschwere und Aufgewicht  –7 Die Tastatur  –8 Die Auslösung  –9 Der Nachdruck  –10 Der Fang  –11 Die Schnabelluft  –12 Das Leisepedal  –13 Die Bändchenluft  –14 Die doppelte Auslösung  –15 Die Federn  –16 Die Dämpfung  –17 Die Verschiebung  –18 Die Tonhaltung  –19 Pralleisten  –20 Intonation


14 Die doppelte Auslösung

»Als die älteste und gepriesenste Einrichtung dieser Art figuriert im allgemeinen noch diejenige, welche Sebastian Erard verfertigen ließ. Man kann übrigens kaum begreifen, wie es möglich werden konnte, daß ein solches Machwerk, das weder Dauer noch Präzision in sich vereinigt, je Nachahmer fand. Die ganze Zusammenstellung zeigt, daß Herr Erard wenig Kopf für mechanische Einrichtung, wohl aber viel Geld für Lobredner hatte.«

Wovon Heinrich Welcker in »Der Clavierbau« im Jahre 1867 so vernichtend spricht, ist jene Konstruktion, die allmählich alle anderen Bauformen verdrängt hat. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es mehr als nur eine Standardbauweise, keine davon ist am Leben geblieben, Erards Erfindung aus dem Jahr 1821 hat sie alle aus dem Feld geschlagen, wenn das auch fast 100 Jahre gedauert hat. Was sie so erfolgreich gemacht hat, ist der Vorzug der fast uneingeschränkten Repetitionsfähigkeit. Selbst ihren Nachteil, ihre relativ große Spielschwere gegenüber anderen damaligen Getrieben, empfand man bald nicht mehr als solchen, denn er steigert die Ausdrucksfähigkeit.

Wir hatten beim Piano gesehen, daß die Taste erst vollständig in die Ruhelage zurückkehren muß, um wieder anschlagsbereit zu sein. Die Repetitionsmechanik Erards macht dies überflüssig, die Tonwiederholung kann aus jeder beliebigen Tastenstellung heraus erfolgen. Damit wird sie nicht nur schneller, sie erlaubt es auch, im engsten Kontakt mit der Taste zu trillern und Tonwiederholungen auch ohne Pedal legato zu spielen, denn man kann einen Ton erneut anschlagen, noch bevor der Dämpfer die Saite wieder berührt.

Erreicht wird dies dadurch, daß die Ruheleiste, die den Hammer hält, um den Stößer wieder untergleiten zu lassen, und die beim Piano starr ist, gewissermaßen mit der Taste mitgeführt wird. Dazu ist es nötig, daß sie für jeden Ton gesondert vorhanden ist, sie wird deswegen auf dem Hebeglied montiert. Von Ruheleiste kann man also nicht mehr sprechen, sondern es ist ein Tragschenkel (auch Repetierschenkel oder Schere), der diese Funktion übernimmt:

img/spielwerk028.gif
[Abb. 28]

Der Repetierschenkel ist am Hebeglied mit einer Achse befestigt, eine Feder drückt ihn so weit hoch, wie es eine Stellpuppe an seinem hinteren Ende erlaubt. Diese Stellpuppe fixiert also seine Lage, sie ist, wie die Auslösepuppe, mit Filz garniert und kann höher oder tiefer geschraubt werden, so daß die Höhe des Repetierschenkels damit genau eingestellt werden kann. Die Repetierfeder dient gleichzeitig als Rückholfeder für den Stößer. Abb. 29 zeigt eine Variante dieser Bauweise, bei der die Stellung des Repetierschenkels nicht durch eine Puppe, sondern durch eine Schraube fixiert wird. Hier ist auch erkennbar, daß der Stößer durch einen Schlitz im Repetierschenkel hindurchgreift. Wie man sieht, ruht die Hammerrolle nicht auf dem Stößer, sondern auf dem Schenkel, zwischen Stößer und Hammerrolle besteht Luft, entsprechend der Schnabelluft des Pianos. Sie ist in Abb. 28 wieder sehr übertrieben dargestellt.

img/spielwerk029.gif
[Abb. 29] Flügel-Hebeglied von Renner

Zunächst sieht es so aus, als würde gar nicht der Stößer, sondern der Repetierschenkel den Hammer anheben, und bei zartem Spiel ist das auch so. Auch dabei muß eine Auslösung erfolgen. Das geschieht, indem der Schenkel von einer Schraube zurückgehalten wird, die sich an der Hammerkapsel befindet. Sobald der Schenkel die Schraube berührt, kann er nicht weiter ansteigen, er löst aus. Allerdings darf er nicht so spät auslösen wie der Stößer, sonst wäre für den Rückprall so wenig Platz, daß der Hammer wieder trommeln könnte. Während der Schenkel also früher auslöst, steigt der Stößer noch weiter an, greift durch den Repetierschenkel-Schlitz hindurch und löst dann ebenfalls aus. Dieses »double échappement«, die doppelte Auslösung ist das Charakteristikum der Erardschen Erfindung.

img/spielwerk030.gif
[Abb. 30] Der Repetierschenkel löst aus, indem er von der Abnickschraube (Pfeil) zurückgehalten wird.

Der Unterschied zwischen Schenkel- und Stößerauslösung läßt sich beobachten, wenn man die Taste in Zeitlupe bewegt: Der Hammer geht bis zum Auslösepunkt des Stößers hoch und fällt plötzlich etwa 2 mm auf den schon vorher ausgelösten Schenkel zurück. Das sieht aus, als würde er nicken, deswegen bezeichnet man diese Bewegung auch als Abnicken und nennt die Schraube, die den Schenkel zurückhält, Abnickschraube.

Um zu verstehen, wie mit dieser Anordnung erreicht wird, daß die Flügeltaste jederzeit repetiert, muß man sich die einzelnen Phasen des Anschlags ansehen:

img/spielwerk031.gif
[Abb. 31]
Nach etwa 2/3 Tastengang berührt der Repetierschenkel die Abnickschraube. Das geschieht etwa im selben Moment, in dem die Stößernase gegen die Auslösepuppe schlägt.

img/spielwerk032.gif
[Abb. 32]
Der Stößer hebt den Hammer weiter an und beginnt gleichzeitig beiseite zu drehen.

img/spielwerk033.gif
[Abb. 33]
Der Stößer hat ausgelöst, der Hammer besitzt genügend Schwung, um ohne weiteren Antrieb gegen die Saite zu schleudern.

img/spielwerk034.gif
[Abb. 34]
Der Hammer hat »abgenickt«, d.h. er ist auf den Repetierschenkel zurückgefallen.

img/spielwerk035.gif
[Abb. 35]
Bei nicht zu zartem Spiel besitzt der Hammer genügend Schwung, um den Repetierschenkel hinabzudrücken und die Repetierfeder zu spannen, bis er sich mit dem Fänger verkeilt hat.

img/spielwerk036.gif
[Abb. 36]
Wenn man die Taste ein wenig wieder hochkommen läßt, lockert sich der Fang, die Repetierfeder drückt den Hammer wieder hoch, der Stößer kann erneut untergleiten, und es kann sofort ein zweiter Anschlag erfolgen.

Man kann erkennen, daß zwischen zartem und kräftigerem Anschlag ein Unterschied besteht. Im Pianissimo ist der Hammerrückfall nicht schwungvoll genug, um die Federspannung zu überwinden und den Repetierschenkel hinabzudrücken, dann fängt der Hammer nicht. Das ist der eigentliche Grund, weshalb er abnicken muß, denn sonst würde er nur so knapp zurückfallen, daß das Trommeln unvermeidlich wäre. Erst ab einer bestimmten Lautstärke reicht die Rückfallgeschwindigkeit aus, um den Schenkel soweit hinabzubewegen, daß der Hammer die Repetierfeder spannt und mit dem Fänger in Berührung kommt.

Damit das alles optimal funktioniert, muß die Mechanik natürlich einwandfrei reguliert sein. Dazu gehören neben der Einstellung der Stößerneigung die richtige Repetierschenkelhöhe, die richtige Abnickweite und die richtige Federspannung.

Wie bereits erwähnt muß zwischen Hammerrolle und Stößer Luft bestehen. Wie die Schnabelluft des Pianos ist diese minimal, man kann sie mit dem Finger gerade noch ertasten, wenn man über den Repetierschenkel streicht, denn auch hier soll es möglichst wenig toten Gang geben. Ob sie ausreicht, prüft man wieder durch Funktionskontrolle: Man schlägt einen Ton an und läßt den Hammer fangen; wenn man jetzt sehr plötzlich und laut einen zweiten Anschlag erfolgen läßt, darf dieser nicht versagen, sonst muß der Repetierschenkel höher gestellt werden. Da man hierbei den zweiten Anschlag sehr kräftig ausführt, nennen die Klavierbauer diese Probe auch »Einpauken«. Daneben kann man auch prüfen, ob der Stößer in Ruhelage der Taste unter der Hammerrolle frei beweglich ist, indem man ihn an seiner Nase herausdrückt und kontrolliert, ob er anstandslos wieder untergleitet.

Die Abnickhöhe betrachtet man vom Auslösepunkt des Stößers aus und stellt die Abnickschraube nach Augenmaß so ein, daß der Hammer nach der Stößer-Auslösung 1,5 - 2 mm wieder zurückfällt. Da das Abnicken bei zartem Anschlag das Trommeln verhindern soll, kommt es hier im Grunde aber eher auf den Saitenabstand an, der ca. 3 mm betragen sollte. Auf jeden Fall sollte die Abnickhöhe nicht größer als unbedingt nötig sein. Denn in dem Augenblick, in dem der Schenkel von der Abnickschraube zurückgehalten wird, beginnt auch die Feder sich zu spannen, und je früher das passiert, umso eher wird es in der Taste spürbar. Es gibt hier also auch so etwas wie eine Auslösehemmung, die allerdings nicht so deutlich ist wie die Auslösehemmung des Stößers. Immerhin muß man aber mit etwa 25 g Mehrbedarf an Tastenbelastung rechnen, und der tritt im selben Augenblick auf, in dem die Auslösereibung des Stößers einsetzt, verstärkt also noch einmal die Ausprägung des Druckpunktes. Auch das läßt sich durch Herabsetzung der Reibung etwas mildern, soweit die Federn nicht so konstruiert sind, daß sie sowieso keine Reibung erzeugen. Die in Abb. 30 gezeigte Feder läuft unter dem Repetierschenkel in einer Nut und schabt sich darin. Diese Nut ist zwar graphitiert, aber die Reibung ist dennoch nicht ganz unbedenklich und leider manchmal hörbar. Hier kann Fetten evtl. einiges bewirken, Klavierbauer nehmen dazu eine Mischung aus Hirschtalg und Graphit.

Weiter mit: 15 Die Federn


© 2003–2012 by J. Gedan
www.pian-e-forte.de