Das Spielwerk von Pianos und Flügeln
Was Klavierspieler über ihr Instrument wissen sollten
PDF-Version unter Fachwissen/Downloads


Vorwort  –1 Taste, Hebeglied und Hammer  –2 Leder, Filz und Holz  –3 Das Zusammensetzen  –4 Die Achsen  –5 Die Spielart  –6 Niederdruckschwere und Aufgewicht  –7 Die Tastatur  –8 Die Auslösung  –9 Der Nachdruck  –10 Der Fang  –11 Die Schnabelluft  –12 Das Leisepedal  –13 Die Bändchenluft  –14 Die doppelte Auslösung  –15 Die Federn  –16 Die Dämpfung  –17 Die Verschiebung  –18 Die Tonhaltung  –19 Pralleisten  –20 Intonation


16 Die Dämpfung

Anfänger des Klavierspiels haben oft ein schlechtes Verhältnis zu langen Tönen. Da die Tonerzeugung sich auf den allerersten Tonanfang beschränkt, könnte der Spieler, um den Ton zu halten, die Taste mit einem Gewicht beschweren und das Zimmer verlassen; von allein klänge das Instrument dann weiter. Der Geiger, der den Bogen führen muß, solange der Ton dauert, oder gar der Bläser, für den lange Töne eine ziemliche Anstrengung bedeuten können, sind da schlechter und zugleich besser dran. Die Passivität, mit der Klaviertöne gehalten werden, verleitet dazu, daß auch das Ohr passiv wird, und dies wird noch verstärkt dadurch, daß das Loslassen der Taste, das den Ton zum Verstummen bringt, meist nicht als gleichermaßen aktives Tun empfunden wird wie der Anschlag.

Dies spiegelt sich auch in der Konstruktion des Pedals wieder: Die eigentliche Aufgabe der Dämpfung, die Saite im richtigen Augenblick am Weiterschwingen zu hindern, wird sozusagen umgekehrt zu der Aufgabe, sie im richtigen Augenblick freizugeben. Das Pedal bewirkt ja, daß alle Dämpfer von den Saiten genommen werden, so können die Töne weiterklingen, auch wenn man die Taste losläßt. Erst mit dem Aufheben des Pedals setzt die Dämpfung wieder ein. Der Spieler muß deswegen lernen, daß das Loslassen den aktiven, das Hinabtreten den passiven Teil des Pedalspiels darstellt, und sich daran gewöhnen, die Aufwärtsbewegung des Fußes mit der Abwärtsbewegung des Anschlags zu koordinieren, denn in der Regel muß der alte Klang genau in dem Augenblick gedämpft werden, in dem der neue angeschlagen wird.

Beim pedallosen Legato-Spiel dürfte den meisten Spielern das Wirken der Dämpfer kaum bewußt werden, es erfolgt völlig automatisch mit dem Ablösen aufeinander folgender Töne.

Wie so viele Teile der Klaviermechanik ist der Dämpfer nichts weiter als ein mit Filz garniertes Stückchen Holz, der Dämpferpüschel. Er wird von einem Gliedergelenk bewegt, das beim Flügel von der Taste, beim Piano von einem Metallöffel am Hebeglied angetrieben wird. Entscheidend für die zufriedenstellende Funktion sind die Qualität des Dämpferfilzes und auch hier wieder die Sorgfalt des Einbaus und die richtige Regulierung. Es gibt vier verschiedene Püschel: Reiter für die einchörigen Saiten, Keile für die zweichörigen, Doppelkeile für die dreichörigen und schließlich flache, durch Steppnähte besonders geformte Diskant-Dämpfer. Die Unterschiede sind aus Abb. 42-45 ersichtlich.

img/spielwerk042ff.gif
[Abb. 42-45] Dämpferpüschel
Reiter  –  Keile  –  Doppelkeile  –  Diskant-Dämpfer

Beim Piano werden die Dämpfer durch Federkraft gegen die Saiten gedrückt, beim Flügel durch ihr Eigengewicht, das durch Bleistöpsel in den Gliedern noch verstärkt wird. Durch das Pedal werden alle Dämpfer gleichzeitig bewegt, beim Flügel durch eine Abhebeleiste, die auch Dämpferlade oder Wackelbrett genannt wird, beim Piano durch eine Abhebestange aus Metall.

img/spielwerk046.gif
[Abb. 46] Flügeldämpfung

img/spielwerk047.gif
[Abb. 47] Pianodämpfung

Ein weit verbreitetes Übel ist das Zischeln der Dämpfung, wenn sie sich langsam auf die Saiten senkt. Vor allem hörbar wird es bei gleichzeitig getretenem linken Pedal des Flügels. Durch Verschmutzung verklebte und verhärtete Filze, ungenauer Einbau und auch unbrauchbarer Filz können die Ursache solcher Nebengeräusche sein.

Auf die Saite genau ausgerichtet wird der Dämpferpüschel durch leichtes Zurechtbiegen des Stecherdrahts. Dabei ist darauf zu achten, daß der Dämpfer weder schleudert, noch kippelt (Abb. 48 u. 49). Unvollkommene Dämpfung liegt meistens hierin begründet. Mangelhaft ist die Dämpfung manchmal bei den sehr kräftig schwingenden Baßsaiten. Sie läßt sich verbessern, indem man die Reiter entsprechend dem Saitenquerschnitt rund ausfeilt.

img/spielwerk048.gif
[Abb. 48] Schleudern: Der Dämpfer
verdreht sich beim Abheben.

img/spielwerk049.gif
[Abb. 49] Kippeln: Der Dämpfer
hebt nicht gleichmäßig ab.

Die Frage, wann der Dämpfer wirksam werden soll, während man die Taste losläßt, wird von verschiedenen Herstellern verschieden beantwortet. Auf keinen Fall darf der Ton erst verstummen, nachdem die Taste ganz hochgekommen ist. Für schnelles Staccato-Spiel wäre das zu spät. Andererseits soll der Ton nicht schon »aus Versehen« enden, weil man den Druck auf die Taste gelockert hat, und der Püschel muß weit genug abheben, um die Saite vollständig freizugeben. Weitgehend üblich ist das Dämpfen bei halbem Tastengang. Halbgang regulieren nennt man darum das Einstellen des Dämpferwegs. Manche Klaviere dämpfen jedoch erst im oberen Drittel, was nach meinen Erfahrungen zu spät ist. Es macht u.U. das Legato-Spiel unsauber und erschwert das schnelle Staccato. Andere behaupten, der Dämpfer sollte erst im unteren Drittel angreifen, dann hätte die Taste schon soviel Anschlagsschwung, daß sie den Dämpferwiderstand quasi überrennt, er also weniger stark spürbar würde. Man kann – vor allem bei leisem Spiel – jedoch die gegenteilige Erfahrung machen: Wenn sich der Widerstand so spät erst in den Anschlag einmischt, wird die dynamische Kontrolle eher erschwert, weil nur noch ein Drittel Tastenweg verbleibt, um auf das plötzlich einsetzende Dämpfergewicht zu reagieren. Beim Flügel würde dieser Mehrbedarf an Kraft dann fast im selben Augenblick auftreten, in dem auch die Auslösehemmung einsetzt, der ohnehin lästige Druckpunkt würde zu einem noch größeren Hemmnis. Das Stellen auf Halbgang ist darum ohne Zweifel das günstigste, und die meisten Hersteller halten sich daran, aber eben nicht alle.

Beim Piano erfolgt diese Einstellung durch Vor- und Zurückbiegen der Metallöffel am Hebeglied. Gerne führt diese Arbeit niemand aus, denn man kommt mit dem Halbganghaken – so heißt das dafür notwendige Werkzeuge – nur schwer an die Löffel heran, weil die Dämpferglieder hinter den Hämmern versteckt sind.

Wie der Halbgang beim Flügel eingestellt wird, ist von der Bauweise abhängig. Manche Dämpferglieder haben ebenfalls Löffel, die man mit Zangen kröpfen kann, manche kann man nur durch Höher- oder Tieferschrauben des Stecherdrahts regulieren. Das hat einen Nachteil: Die Madenschraube, die den Draht festklemmt, gräbt Kerben in den Draht. Sollte jetzt bei einer Reparatur, etwa nach Erneuern des Dämpferfilzes, die neue Einstellung nur geringfügig von der alten abweichen müssen, so rutscht die Schraube immer wieder in die alte Einkerbung, läßt sich also nur schwer in der neuen Stellung fixieren.

Für genau dosiertes Pedalspiel ist sehr wichtig, daß alle Dämpfer genau gleichzeitig von der Abhebeleiste, bzw. -stange erfaßt werden. Man prüft dies, indem man das Pedal bis zu dem Punkt hinabtritt, wo es anzugreifen beginnt. An diesem Punkt bewegt man es minimal hin und her, dann kann man beobachten, daß die Dämpfer zappeln, und sieht dabei sehr genau, ob einige sich zu früh oder zu spät bewegen. Beim Piano läßt sich das mit einer kleinen Schraube an jedem Dämpferarm nachstellen, beim Flügel hängt es von der Bauart ab, wie das Zappeln reguliert wird. Bei den einfachsten Gliedern kann es nicht unabhängig vom Halbgang eingestellt werden, die anderen besitzen einstellbare Piloten, an denen die Abhebeleiste angreift.

Bei der Anordnung der Pedale scheint die Berücksichtigung ergonomischer Forderungen bei den Herstellern nicht die Hauptrolle zu spielen. Beim Piano, seltener beim Flügel, scheint hier vielmehr bisweilen Gedankenlosigkeit vorzuherrschen, denn nicht bei jedem Klavier sind Pedalhöhe und Größe des Pedalwegs beim Niedertreten so eingerichtet, daß der Fuß es bequem, vor allem aber differenziert bewegen kann. Dazu gehört, daß das Pedal eine gewisse Schwergängigkeit haben sollte, allein schon um den Fuß entspannt darauf ruhen lassen zu können, ohne daß das Pedal gleich abwärts geht, aber besonders um es genau dosieren zu können. Außerdem sollte es so tief wie möglich angebracht sein, denn zu hoch liegende Pedale sind nicht nur äußerst unbequem, sondern können Pedalwechsel auch sehr unsauber werden lassen, da der Fuß nicht hoch genug kommt, um den Klang vollständig zu dämpfen. Und schließlich sollte der Pedalweg dort, wo der Fuß angreift, nicht mehr als 10-15 mm betragen, dann sind schnelle Pedalwechsel problemlos möglich.

Der Pedalweg läßt sich in gewissen Bereichen verstellen. Dabei ist zu beachten, daß der Fuß den Dämpfer nicht weiter anheben sollte, als die Taste es tut. Sodann sollte das Pedal etwas Luft, d.h. etwas toten Gang haben und nicht ganz hochkommen müssen, der Ton sollte also schon etwas früher wieder gedämpft sein, denn sonst würden schnelle Pedalwechsel sehr geräuschvoll werden, da das Pedal immer gegen seine obere Begrenzung schlagen würde. Pianos mit großem Pedalweg können oft sehr viel toten Gang haben, bei Flügeln reichen wenige Millimeter. Sehr oft regulieren Hersteller diesen toten Gang bei Flügeln zu knapp, dann spielt man mit dem Fuß hörbar Schlagzeug. Das läßt sich jedoch auf einfache Weise nachstellen; wie das geschieht, ist bei jedem Instrument etwas unterschiedlich, aber leicht zu verstehen, wenn man sich sein Instrument daraufhin ansieht, so daß sich detaillierte Erläuterungen erübrigen.

Nicht nur bei der Anordnung des Pedals, auch in anderer Hinsicht scheint Ergonomie oft vernachlässigt zu werden. Die schlimmsten Beispiele dafür sind Klavierhocker. Manche stehen auf drei Beinen, so daß sie kippeln, haben eine Sitzmulde, die jede freie Körperbewegung verhindert, und drehbare Sitzflächen, die sich nicht arretieren lassen, so daß sie sich bei schwungvollen Bewegungen mitdrehen. Andere sind so weich gepolstert, daß die Sitzhaltung einem Eiertanz gleichkommt. Und kaum eine Sitzbank läßt sich tief genug stellen. Den Gipfel an Ignoranz fand ich einst im Werbeprospekt eines deutschen Klavierherstellers: »Zu jedem Piano- und Flügelmodell fertigen wir die passende Bank. Nicht nur die Sitzposition ist perfekt auf das entsprechende Piano abgestimmt ...« Die perfekte Abstimmung bestand darin, daß diese Stühle sich in der Höhe nicht verstellen lassen...

Gedankenlosigkeit findet man auch manchmal bei der Anordnung der Spiellade, also der Tastatur von Pianos, die bei einigen Kleinklavieren so tief angebracht sind, daß kein Knie darunter Platz findet. Und bei vielen Klavieren behindert der Klaviaturdeckel jede freie Bewegung, sei es, daß lange Finger regelmäßig dagegen stoßen oder der Spieler bei schwungvollen Bewegungen mit der Notenpultauflage in Kollision gerät. Daneben kann es ein paar Kleinigkeiten geben, die dem Spieler das Leben erschweren, bspw. wenn der Abstand zwischen oberem Klavierdeckel und Notenpultauflage genau der Höhe gängiger Papierformate der Verlage entspricht; dann klemmen die Notenblätter nämlich unter dem oberen Deckel fest und lassen sich nicht blättern; oder wenn beim Wegklappen des Notenpultes des Flügels regelmäßig Bleistifte, die auf der Notenpultauflage liegen, nach vorne auf die Saiten rollen und von dort ins Flügelinnere fallen – ein Fehler, den Steinway erst 1989 ausgemerzt hat.

Weiter mit: 17 Die Verschiebung


© 2003–2012 by J. Gedan
www.pian-e-forte.de